Wenn gar nichts mehr geht, holt der Kanton diesen Mann

TA 01.09.2021 – Retter von Zürcher Grossprojekten

Peter E. Bodmer soll zum zweiten Mal ein Riesenprojekt vor dem Scheitern retten. Diesmal geht es um den Innovationspark Dübendorf – ein fast unmöglicher Job.

Dieser Triumph hätte vor allem Peter E. Bodmer gehört. Doch im feierlichen Selbstlob der Politik ging er beinahe unter.

Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) und Baudirektor Martin Neukom (Grüne) unterzeichneten am Dienstag ein Papier, das die Zukunft eines kantonalen Prestigevorhabens sichern soll: des Innovationsparks Dübendorf. In dieser Show voller Superlative («grösste Landreserve!») wirkte Peter E. Bodmer wie eine Nebenfigur. Er sass am Rande und redete zum Schluss. Dabei hätte ohne ihn die Wiederbelebung der Beinahe-Projektleiche kaum geklappt. Schon zum zweiten Mal hat sich Bodmer für den Kanton als Notfallsanitäter bewährt.

Der Innovationspark hat sich als Gegenteil seines Namens erwiesen, ein Bürokratiemonster, das an juristischen Widerständen erlahmt. Seit rund 15 Jahren versucht die Politik, den stillgelegten Militärflugplatz Dübendorf zu einem Ort auszubauen, wo sich Wissenschaft und Wirtschaft gegenseitig beflügeln. Mehr als 10’000 Arbeitsplätze könnten so entstehen.

Könnten. Bisher geht es einfach nicht vorwärts.

Vor zweieinhalb Jahren erkor die Stiftung «Switzerland Innovation Park Zurich» Peter E. Bodmer zu ihrem neuen Präsidenten – einen Industriemanager, der in zahlreichen Verwaltungsräten sitzt, dem Universitätsrat angehört und in Küsnacht eine eigene Beratungsfirma hat. Der heute 57-Jährige soll dafür sorgen, dass die Abertausenden von Arbeitsstunden, unzähligen Gutachten und über elf Millionen Franken Investitionen nicht umsonst gewesen sind.

Es gibt leichtere Jobs. Gut ein Jahr nach Bodmers Amtsantritt kam die Katastrophe: Wegen eines Rekurses von Anwohnern erklärte das Verwaltungsgericht den Gestaltungsplan für ungültig. Damit fehlte eine rechtliche Grundlage für alle Neubauten. Die Pläne waren zu Fantasieskizzen entwertet.

Peter E. Bodmer hatte dem Innovationspark in diesem Fall vor einem Jahr noch das Ende vorhergesagt. «Eine Blamage sondergleichen» wäre das. Diese Schmach wollte der Regierungsrat nicht auf sich nehmen. Nun lag es an Bodmer, einen Weg aus der Rekursfalle zu finden.

Komplizierter geht kaum

Eigentlich geht der Innovationspark ganz einfach: Man nehme Flughafenhangars, die das Militär nicht mehr braucht, und rüste sie um zu Gebäuden, wo geforscht und getüftelt werden kann. Rundherum gibt es ein paar Neubauten. Fertig. Selbst politisch scheint die Sache klar. Ausser der SVP («Grössenwahn») bekämpft keine Partei den Plan.

Das Problem liegt an der fast unüberschaubar grossen Zahl der Beteiligten: drei Gemeinden, drei kantonale Direktionen, drei Bundesämter, zwei Hochschulen, Wirtschaft, Rega, Luftwaffe, Skyguide. Dazu reden zahlreiche zivilgesellschaftliche Gruppen mit: der Heimatschutz, Aviatikerinnen, Umweltfreunde. Und dann gibt es noch die rekurrierenden Anwohner.

All diese Standpunkte zu berücksichtigen, scheint fast unmöglich. Oder um es mit Peter E. Bodmer zu sagen: «Das Set-up (ausgesprochen: «sät-öp») ist äusserst komplex. Es hat sehr viele Layers drin.»

Solche eingezürcherten Managementausdrücke verwendet Bodmer gerne. Sie ergänzen sein markantes Äusseres: der Teint gebräunt, die grauen Haare nach hinten gekämmt, in der Anzugstasche steckt stets ein Pochettli, das mit der Farbe des Hemdes harmoniert.

Das «Goldküstenauftreten» täuscht

Doch dieses «typische Goldküstenauftreten», wie es ein Bekannter beschreibt, weckt falsche Vorstellungen. Weder als abgehoben noch als arrogant wird Bodmer beschrieben. Im Gegenteil.

Für seinen Job ausgewählt hat ihn die Stiftung auch, weil sich Bodmer als guter Zuhörer erwiesen hat. 2013 holte ihn der Kanton, um das Projekt Berthold zu retten – ein gemeinsames Vorhaben von Universität, Unispital und ETH zur Erneuerung des Hochschulquartiers. Auch hier gab es zahlreichen «Layers» (allerdings nicht so viele wie in Dübendorf), auch hier drohte Fundamentalwiderstand aus der Nachbarschaft. «Damals war alles komplett blockiert», erinnert sich Martin Waser, der ehemalige Präsident des Universitätsspitals.

Nach mehreren Jahren gelang es Bodmer, sich mit den Anwohnern zu einigen. Am Anfang hätten sie ihm nicht getraut, erzählt einer der Gegner, als «durchtriebenen Baulöwen» schätzten sie ihn ein. Die Zweifel verschwanden während der vielen folgenden Gespräche. Bodmer durchdringe die Materie und erkenne diplomatische Spielräume. «Dadurch gehen plötzlich Türen auf.»

«Man ist nie so gut, wie man gemacht wird, wenn einem etwas gelingt.»

Peter E. Bodmer

Bodmer rang beiden Seiten Kompromisse ab, dem Kanton und den Anwohnern. Ohne ihn hätte es keine Einigung gegeben, sagt der ehemalige Gegner. Auch Martin Waser lobt Bodmer. Er habe nie die Konfrontation gesucht, sondern das Beste für alle herausgeholt. «Er war ein Glücksfall für uns.»

Dieser Glücksfall soll sich nun ein paar Kilometer östlich wiederholen. Wie beim Uniquartier-Umbau berief der Regierungsrat auch beim Innovationspark eine «Taskforce», eine Gruppe, die sich allein um die gefährlichsten Hindernisse kümmert. Die Taskforce besteht hauptsächlich aus Peter E. Bodmer und Roman Bächtold, mit dem Bodmer bereits im Hochschulquartier eng zusammengearbeitet hat. Die zwei müssen es wieder richten.

Mit dem Uniquartier-Erfolg hat Bodmer die Erwartungen selber hoch gesetzt. Er relativiert: «Man ist nie so gut, wie man gemacht wird, wenn einem etwas gelingt.» Ein anderes Mal sagt er: «Ich habe noch nie ein Spiel verloren, aber manchmal geht es zu lange, und man hört besser auf.»

Um in einem Spiel rasch vorwärtszukommen, teilt es Bodmer gerne in verschiedene Partien auf. Erstens. Zweitens. Drittens. Das schafft Übersichtlichkeit. Beim Innovationspark hatte die Taskforce zwei Problempartien zu meistern.

Erstens das Bauen. Auf den Rückschlag beim Gestaltungsplan reagierte Bodmer mit einem neuen Ansatz. Zwar hat der Kanton Rekurs eingereicht gegen den Stopp des Verwaltungsgerichts. Aber auf ein Ja des Bundesgerichts möchte Bodmer nicht hoffen. «Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand. Wir müssen auch bei einem Nein weitermachen können.»

Den Neustart ermöglichen soll eine Anpassung der Richtpläne. Bei diesem Planungsinstrument können der Kantonsrat und die betroffenen Gemeinden mitreden. Volksabstimmungen sind wahrscheinlich. Das dauert länger und bringt zusätzliche Unsicherheit ins Spiel. «Dafür erhalten wir eine grössere demokratische Legitimation», sagt Bodmer.

Weg mit den Businessjets

Als zweites Grossproblem drückte die Geschäftsfliegerei. Bund, Kanton und Wirtschaftsverbände wollten, dass auf der Dübendorfer Piste künftig Businessjets starten statt Kampfflugzeuge. Die umliegenden Gemeinden wehrten sich dagegen. Zu viel Fluglärm, fanden sie.

Peter E. Bodmer schlug sich überraschenderweise auf die Seite der Gemeinden. In einem Interview sprach er sich gegen die Geschäftsfliegerei aus. Er befürchtete «Geiselhaft», sagt er heute; dass der Innovationspark mit der Geschäftsfliegerei abstürzt, obwohl die beiden abgesehen von ihrer Nachbarschaft auf dem Areal nichts miteinander zu tun hatten.

Bodmers Angriff verärgerte viele. Auch dank einer Rochade in Bern gelang er. 2017 hatte SP-Bundesrätin Simonetta Sommaruga das zuständige Uvek von Doris Leuthard (CVP) übernommen. Im Oktober 2020 groundete sie die Geschäftsfliegerei – nach sechs Jahren Vorbereitung. Der Frage, ob er sich in Bern dafür eingesetzt hat, weicht Bodmer aus. Seine Freude darüber zeigte er offen.

Millionen und ein «Werkflugplatz» glätten die Wogen

Die Flughafenbetreiber hingegen tobten. Der Konflikt hat sich mittlerweile gelegt – dank viel Steuergeld. Im Juni entschädigte der Bund die Flughafen Dübendorf AG mit 7,3 Millionen Franken für ihre Investitionen. Die AG soll sich bald auflösen.

Peter E. Bodmer setzte stattdessen auf einen «Werkflugplatz», der vor allem der Forschung im Innovationspark dienen soll. So gibt es weniger Flüge und weniger Lärm. Das Konzept dazu hat eine Gruppe aus pensionierten Aviatikern entwickelt. Es überzeugte die Gemeinden; und kürzlich auch den Regierungsrat. Einzig die Zürcher Handelskammer trauert den Businessjets nach.

Neben der Hindernisbeseitigung hat sich Peter E. Bodmer im letzten Jahr dem Entwickeln einer «gemeinsamen Vision» gewidmet. Wie im Hochschulquartier suchte er den «intensiven Dialog» mit möglichst vielen «Stakeholdern», unter anderem dem erfolgreichen Rekurrenten Cla Semadeni. «Bodmer war die erste Person im ganzen Planungsprozess, die von sich aus mit mir geredet hat», sagt Semadeni. Das sei sympathisch. Allerdings scheiterte die Zusammenarbeit an unterschiedlichen Vorstellungen zur Geheimhaltung.

«Bodmer war die erste Person im ganzen Planungsprozess, die von sich aus mit mir geredet hat. Das ist sympathisch.»

Cla Semadeni, Rekurrent

Aus all diesen Gesprächen ist der 200-Seitige Synthesebericht hervorgegangen, der am Dienstag unterschrieben wurde. «Bodmers Bibel» könnte man ihn nennen, er selber spricht vom «Flight Plan». Darin hat die Taskforce die wichtigsten Beteiligten auf eine gemeinsame Idee verpflichtet, zum ersten Mal seit 15 Jahren. «Das hat man vorher leider versäumt», sagt Bodmer.

Nun brauche es zwei Dinge: eine rasche Anpassung der planerischen Grundlagen sowie die Freigabe der nötigen Kredite. Der Regierungsrat sieht das genauso. Bald wird der Kantonsrat darüber beraten. Am liebsten wäre es Peter E. Bodmer, wenn dieser eine Spezialkommission schaffen würde, eine Art Taskforce im Parlament. Im Idealfall würde diese bis Ende 2022 die grundlegenden Entscheide treffen.

Auch danach dürften Hindernisse auftauchen. So hält Rekurrent Cla Semadeni das Ausmass der Neubauten aus Gründen des Denkmalschutzes für «kaum bewilligungsfähig». Peter E. Bodmer ist wohl noch lange nicht fertig in Dübendorf.