«Mitsprache war für die Galerie»

Zürcher Landzeitung 25.03.2008

Flughafen Thomas Morf, Präsident des Südschneiser-Vereins VFSN, über Südstarts und Südanflüge

Der Süden fühlt sich in der Flughafenplanung über den Tisch gezogen. Im Interview sagt «Oberschneiser» Thomas Morf warum.

«Ich bin wie ein Wanderprediger unterwegs, um die Tragweite der aktuellen Entscheidungen aufzuzeigen»: Thomas Morf, Präsident des Südschneiser-Vereins.

Interview Andreas Schürer

Thomas Morf, die Grob-Planung des künftigen Flughafen-Betriebs passt Ihnen nicht. Sie sprechen von einem «Horrorszenario». Was stört Sie besonders?

Dass die Bevölkerung für dumm verkauft werden soll. Unermüdlich versicherten der Bund und der Kanton Zürich in den Gesprächen zum Sachplan Infrastruktur Luftfahrt (SIL), die Auswirkungen auf Menschen und Umwelt sollten minimiert werden. Die Zürcher Regierung postulierte, dass nicht über dicht besiedeltes Gebiet geflogen werden solle. Und jetzt werden drei so genannt optimierte Vorschläge präsentiert, die alle Südstarts straight und Südanflüge beinhalten. Ohne Rücksicht auf die Bevölkerung wird angestrebt, die Kapazität des Pistensystems maximal auszuschöpfen. Dieses Ziel war offenbar von Beginn an definiert, die Mitsprache der Gemeinden und Bürgerorganisation nur für die Galerie. Das ist ein Skandal.

Sie malen zu schwarz. Der Südstart straight soll nur bei etwa 5 Prozent der Starts nötig sein, bei Nebel und Bise.

Auch da wird den Leuten Sand in die Augen gestreut. Der SIL ist das oberste Planungsinstrument des Bundes. Da geht es darum, ob Südstarts straight erlaubt sind oder nicht. Die Details werden untergeordnet geregelt. Sind diese Starts im SIL-Objektblatt drin, können wir dagegen nichts mehr unternehmen: Dann sind Südstarts legal und werden zuerst vielleicht tatsächlich nur bei Nebel und Bise, in einigen Jahren aber sicher bedeutend häufiger geflogen.

Warum dieses Misstrauen?

Der Südstart straight erhöht die Kapazität des Flughafens bedeutend. Er wird langfristig sicher nicht nur bei Bise und Nebel genutzt. Das wäre, wie wenn man eine Autobahn bauen und nur eine Spur öffnen und das Tempo auf 50 beschränken würde. Die Flughafen-Turbos werden die Schleusen öffnen, wenn sie es als notwendig erachten – die Ostanflüge waren ja auch einmal nur bei Westwindlagen vorgesehen. Das Erwachen im Süden wird böse sein, wenn wir uns jetzt nicht vehement wehren.

Halt. Auch Flughafen-Turbos können den Südstart nicht nach Belieben ausbauen. Gegen jedes neue Betriebsreglement kann Einsprache erhoben werden.

Das stimmt zwar, aber wie effektiv Einsprachen und Beschwerden sind, damit haben wir einschlägige Erfahrungen gemacht. Die aufschiebende Wirkung wird entzogen und das Verfahren verzögert, bis schon wieder ein neues Betriebsreglement aktuell ist – Rechtsverweigerung und Zermürbung sind geeignete Instrumente, um Widerstand zu brechen. Nein, jetzt sind wir in der entscheidenden Phase. Was im SIL steht, wird voll ausgereizt werden, wenn es aus Kapazitätsgründen vorteilhaft ist.

Ihre Empörung wird im Süden nicht geteilt: Die Reaktionen auf die vorgeschlagenen Varianten sind verhalten.

Viele Leute haben noch nicht realisiert, was da auf sie zukommt. Über Zollikon zum Beispiel werden die startenden Maschinen nur rund 500 Meter über Grund fliegen – das ist tief und extrem laut. Viele fallen auf die Augenwischerei herein und meinen, dass der Südstart straight nur selten geflogen wird. Darum bin ich im Moment wie ein Wanderprediger unterwegs, um den Bewohnern im Süden und den Politikern die Tragweite der SIL-Entscheidung aufzuzeigen. Auch die Südanflüge sollen über den SIL-Prozess legalisiert werden.

Welche Varianten bevorzugen denn Sie?

Die gleiche wie 75 Prozent der Bezirke im Kanton Zürich: Die Variante A, die auf dem Flugregime der letzten 50 Jahre beruht – aber die zusätzlichen Ost- und die Südanflüge während der deutschen Sperrzeiten durch den gekröpften Nordanflug ersetzt. Es ist ein Hohn: Optimiert wurde nur die Kapazität des Flughafens. So nicht – wir verlangen, dass die Regierung zu ihren Versprechungen steht: Nordausrichtung, Minimierung der Betroffenen und gekröpfter Nordanflug. Für die optimierten Varianten gibt es nur einen Weg – zurück an den Absender. Dazu kommt: Bevor der SIL-Prozess durchgeboxt und Deutschland so signalisiert wird, dass wir uns mit den Restriktionen arrangieren könnten, muss die Entwicklung der Verhandlungen abgewartet werden.

SIL-Prozess: So geht es weiter

Der Sachplan Infrastruktur Luftfahrt (SIL), der derzeit für den Flughafen Zürich erarbeitet wird, regelt in einem so genannten Objektblatt die Rahmenbedingungen für den Betrieb (siehe auch Artikel unten). Am 3. April haben die betroffenen Kantone letztmals die Möglichkeit, ihre Haltung zu defi-nieren. Danach wird der Bund in Absprache mit dem Kanton Zürich und dem Flughafen entscheiden, welche Betriebsvarianten als Grundlage für die weiteren Arbeiten im SIL-Prozess dienen sollen und ob die Parallelpiste weiterverfolgt werden soll. Auf dieser Basis erstellt das Bundesamt für Zivilluftfahrt einen Entwurf des Objektblatts. Ein abschliessender Entscheid des Bundesrates ist im Jahr 2010 zu erwarten. (zl)