Lufthansa gründet Edelweiss-Kopie und löst Sorgen in der Schweiz aus

TA 23.06.2021 – Auf Kosten des Standorts Zürich?

Die Lufthansa baut mit Eurowings Discover eine Billig-Ferientochter auf. Unter anderem hat sie zwei Langstreckenmaschinen aus der Schweiz erhalten. Die Gewerkschaften sind besorgt.

Der Lufthansa-Konzern hat in der Pandemie bisher Zehntausende Stellen abgebaut, weil die Nachfrage eingebrochen ist. Unter anderem hat das Unternehmen die Airlines Sun Express Deutschland und Germanwings liquidiert.

Gleichzeitig stellt der Konzern derzeit aber Hunderte Personen ein, um eine neue Airline zu gründen: Eurowings Discover. Am Donnerstag vergangener Woche hat das deutsche Luftfahrt-Bundesamt Eurowings Discover die Betriebsgenehmigung erteilt. Der Erstflug ist für den 24. Juli geplant: von Frankfurt über Mombasa (Kenia) nach Sansibar.

In der Tendenz sind die Arbeitsverträge der neu Eingestellten schlechter als jene, die im Zuge der Pandemie aufgelöst wurden. «Der Lufthansa-Konzern stösst sich auf Kosten der Angestellten gesund», ärgert sich Max Kampka von der deutschen Kabinenpersonal-Gewerkschaft UFO. Ein Lufthansa-Sprecher antwortet darauf, die Arbeitsbedingungen seien «auf dem Niveau vergleichbarer Flugbetriebe».

«Sie produzieren deutlich günstiger als Swiss und Edelweiss. Das könnte zahlreiche Arbeitsplätze in der Schweiz kosten.»Sandrine Nikolic-Fuss, Präsidentin der Schweizer Kabinenpersonal-Gewerkschaft Kapers

Die neue Billigtochter sorgt auch in der Schweiz für Besorgnis. Denn Discover soll ab den Lufthansa-Drehkreuzen Frankfurt und München (ab 2022) touristische Ziele anfliegen – genau wie das Edelweiss ab Zürich tut.

Die Schweizer Ferienairline praktizierte dieses Modell im Zusammenspiel mit der Swiss vor der Pandemie höchst erfolgreich. Zum Beispiel auf Strecken nach Brasilien: Die Swiss fliegt in die Business-Metropole São Paulo, Edelweiss an den Sehnsuchtsort Rio de Janeiro. Oder in die USA: Edelweiss hat die kalifornische Surferstadt San Diego oder das Zocker-Mekka Las Vegas im Streckennetz, während die Swiss New York oder Boston ansteuert.

Bis und mit 2019 flogen die Schweizer Schwestern mit diesem Konzept 4,5 Milliarden Franken Gewinn für den Lufthansa-Konzern ein. Wie viel davon von Edelweiss stammt, ist nicht öffentlich. Beim Umsatz zumindest steuerte Edelweiss weniger als ein Sechstel dessen bei, was die Swiss erwirtschaftete.

Start mit 300 Besatzungsmitgliedern

Die Sorge: Der neue Ferienflieger der Lufthansa könnte Swiss und Edelweiss die Passagiere abjagen. Und damit Jobs gefährden. So sagt Sandrine Nikolic-Fuss, Präsidentin der Schweizer Kabinenpersonal-Gewerkschaft Kapers, über Discover: «Sie produzieren deutlich günstiger als Swiss und Edelweiss. Das könnte zahlreiche Arbeitsplätze in der Schweiz kosten.»

300 Besatzungsmitglieder zählt die neue Airline Discover zu Beginn, ein Vielfaches soll es dereinst sein. Den Betrieb wird sie mit vier Airbus-Langstreckenflugzeugen des Typs A330 aufnehmen.

Schon vor der Pandemie flogen zahlreiche kostenbewusste Schweizer über das Eurowings-Drehkreuz Düsseldorf in die Übersee-Ferien. Bei Discover ist das ebenfalls denkbar. Ein Indiz dafür ist, dass die Lufthansa sich Mühe gibt, Doppelspurigkeiten zu vermeiden.

Laut dem Sprecher achtet der Konzern darauf, dass Langstreckendestinationen, die sowohl von Discover als auch von Edelweiss bedient werden, zu verschiedenen Tagen und Abflugzeiten angeboten werden. Das heisst: Wer zeitlich flexibel ist, dürfte mit Discover sein Ziel günstiger anfliegen können als mit Edelweiss, so die Befürchtung von Kapers.

Für die nahe Zukunft hält sich die Gefahr, dass Discover den Schweizer Gesellschaften im grossen Stil die Kundschaft abgräbt, im Rahmen: Denn der Rettungskredit der Eidgenossenschaft an die Swiss ist an die Bedingung geknüpft, dass die Lufthansa-Gruppe ihre Drehkreuze Frankfurt und München nicht schneller als Zürich hochfährt. Doch diese Sicherheit hat ein Ablaufdatum: Sobald das Geld zurückbezahlt ist, kann der Konzern wieder tun, was er will. Wann das sein wird, ist derzeit offen.

Schon bald wieder Aufbau?

Allerdings hat die Gründung von Discover jetzt schon einen Einfluss auf das Geschäft der Schweizer Airlines: So waren zwei der A330 der neuen Billigairline bis im Frühling 2021 für Edelweiss im Einsatz; sie flogen mit den Taufnamen Chäserrugg und Pizol. Die Edelweiss-Langstreckenflotte umfasst nach diesem Abbau nur noch vier Maschinen vom Typ A340.

«Bei Edelweiss mussten aufgrund der Abgabe der zwei A330 die Piloten- und Kabinenkorps nicht reduziert werden», beruhigt der Lufthansa-Sprecher. Allerdings hat Edelweiss ihre Belegschaft in den vergangenen Monaten sowieso schon über die natürliche Fluktuation hinaus geschrumpft: Ende April beschäftigte sie 997 Personen – 127 weniger als Ende 2019.

Es könne schon «in naher Zukunft wieder mit Neueinstellungen gerechnet werden», kündigt der Sprecher an. Ausserdem sei die Abgabe der zwei A330 bloss eine temporäre Massnahme. «Edelweiss wird bei verbesserter Marktlage ein erneutes Wachstum auf der Langstreckenflotte wieder prüfen.» Zumindest im Bereich der Ferienflüge scheint die Krise also bald ausgestanden zu sein.