Den Zürcher Firmen ist der Flughafen zunehmend egal – und Corona hinterlässt im Geschäftsgang kaum Spuren

NZZ 15.11.2021

Was treibt Zürcher Firmen um? Antworten geben sechs Grafiken.

Die Zentralität ist im Urteil der hiesigen Unternehmen Zürichs grösstes Plus.

Wie geht’s? Auf diese Frage antworten Zürcher Firmen so, wie das wohl manch Stadtzürcherin, manch Stadtzürcher tun würde: Gut, aber das eine oder andere nervt. Im Falle der Unternehmen ist dies etwa die mangelnde Verfügbarkeit von Arbeitskräften, in manchen Branchen gibt es einen handfesten Personalabbau. Dies sind einige der Schlüsse, die sich aus der Auswertung einer aktuellen Umfrage unter Zürcher Unternehmen ziehen lassen, die die Stadt Zürich alle fünf Jahre durchführt.

Aber trotz der Vielzahl von Fragen dominiert ein Thema alles andere – der Verkehr.

Das zeigte sich bei der Präsentation des Berichts im Stadthaus an den Reaktionen der Wirtschaftsvertreter deutlich. Für Industriebetriebe wird die Anlieferung mit grossen Lastwagen in den zunehmend engen Strassen zunehmend ein Problem. Das Gewerbe kritisiert die Parkplatzsituation, die dazu führe, dass man Parkbussen in Kauf nehmen und auf den Preis für den Kunden draufschlagen müsse – Lösungen biete die Stadt keine an.

Roberto Quaglia, Co-Präsident der Vereinigung Zürcher Bahnhofstrasse, schilderte bildhaft, wie er bei einer «Critical Mass» während eineinhalb Stunden in seinem Auto auf der Quaibrücke eingeschlossen gewesen und von Velofahren verbal aggressiv angegangen worden sei. Die unbewilligten monatlichen Velodemos seien «Gift» für die Ladenbesitzer. Und der angedrohte Parkplatzabbau und die Negativschlagzeilen vergällten schon heute Kundinnen und Kunden. An Stadtpräsidentin Corine Mauch (sp.) gerichtet, sagt Quaglia: «Ich möchte Sie einfach bitten, die guten Steuerzahler auch etwas zu pflegen.»

Der Verkehr stört die Zürcher Firmen in ihrer Stadt denn auch gemäss Bericht am meisten, vor dem Preisniveau und der Immobiliensituation, wobei unter den fünf meistgenannten Störfaktoren auch konkret der Mangel an Parkplätzen figuriert. Das ist im Hinblick auf die anstehende Abstimmung über den neuen Verkehrsrichtplan nicht unbedeutend, denn dieser sieht einen substanziellen Abbau vor. Auch der relativ hohe Steuerfuss wird von den Unternehmen als Schwäche genannt.

Der Zürcher Verkehr geht den Unternehmen auf die Nerven

Wo Firmen die Schwächen des Standorts Zürich sehen, in Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich)

Wichtigkeit-Flughafen-1

Über fehlende Velowege hingegen mochte sich nur eine kleine Minderheit aufregen, Kriminalität und Sauberkeit sind in Zürich kein Thema. Erstaunlich ist, dass der Mangel an Fachkräften nicht moniert wird – und ein wenig widersprüchlich: Wenn man die Unternehmen konkret nach der Verfügbarkeit von Fachkräften befragt, fällt die Gesamtnote knapp genügend aus. Vor allem die ausländischen Arbeitskräfte aus Drittstaaten, also von ausserhalb der EU, sind laut den Angaben schwer zu finden.

Ziemlich unzufrieden sind die produzierenden Unternehmen in der Stadt; mehr als jedes fünfte beurteilen die Rahmenbedingungen als «sehr schlecht» .

Produzierende Firmen in Zürich sind mässig zufrieden

Wie produzierende Firmen die Rahmenbedingungen in der Stadt Zürich bewerten, in Prozent

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Im Bericht heisst es dazu: «Von den Firmen wurden explizit die engen Verkehrsverhältnisse, die Schwierigkeit, nötige Räumlichkeiten für eine Produktion in der Stadt zu finden, aber auch behördliche Auflagen und Vorschriften als Gründe genannt.» Allerdings sind die produzierenden Betriebe in der Stadt Zürich mit einem Anteil von 14 Prozent eine klare Minderheit unter den Unternehmen.

Wie es den hiesigen Firmen geht, ist grundsätzlich nicht so einfach zu beurteilen. Natürlich gibt es harte Faktoren wie die regionale Arbeitslosigkeit, die mit 2,4 Prozent im Oktober tief liegt. Oder das Steuersubstrat – da sind es allerdings ein Dutzend grosse, langjährige Firmen, die den Löwenanteil abliefern, und erfahrungsgemäss dauert es seine Zeit, bis aus einer Firma eine substanzielle Steuerzahlerin wird. Die Firmenbefragung alle fünf Jahre soll ein genaueres Bild liefern. 1436 Unternehmen verschiedener Grösse haben mitgemacht. Der Rücklauf war mit 35 Prozent aller Befragten vergleichsweise hoch.

Das Profil der Wirtschaftsstadt Zürich ist stabil. Zu ihren Vorzügen gehören aus Sicht der Firmen die Hochschulen und Forschungseinrichtungen, die Lebensqualität, das Gesundheitswesen, die Energieversorgung und das Kulturangebot.

Umweltbewusstsein wird als unwichtig eingeschätzt

Fragt man die Betriebe, welcher Faktor für sie in der Stadt Zürich am wichtigsten ist, erhält man eine klare Antwort: Zürich ist Zentrum. Die übrigen Faktoren wie die Lebensqualität verblassen dahinter. Auf dem letzten (!) Platz figuriert das Umwelt- und Klimabewusstsein der Stadt.

Die Zentrumsfunktion steht über allem

Wo Firmen die Stärken des Standorts Zürich sehen, in Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich)

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Erstaunlich ist, dass die Nähe zum Flughafen von vielen Unternehmen als nicht besonders wichtig eingeschätzt wird. Dessen Bedeutung hat klar abgenommen.

Die Bedeutung des Flughafens hat abgenommen

Wichtigkeit des Flughafens für Unternehmen, in Prozent

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Im Bericht heisst es dazu: «Die Nähe zum Flughafen wird von den Firmen, für die das Thema relevant ist, generell positiv bewertet.» Noch 31 Prozent der Firmen gaben an, dass der Flughafen Zürich für sie eine sehr grosse oder ziemlich grosse Bedeutung habe, gegenüber 37 Prozent 2016. Eine Erklärung für die Abnahme sei der grössere Anteil von Selbständigen, für die der Flughafen nicht so wichtig sei. Ein weiterer Grund ist die wegen der Corona Pandemie häufigere digitale Durchführung von Sitzungen. Überdurchschnittlich wichtig ist die Bedeutung des Flughafens aber weiterhin für die Finanzmarktbranche, den Beratungssektor, die Hotellerie beziehungsweise das Gastgewerbe sowie den Handel.

Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang die Frage nach den Auswirkungen der Corona-Krise: 24 Prozent geben an, man werde «Geschäftsreisen hinterfragen». Die weiteren Schlüsse, welche die Unternehmen aus der Krise ziehen, sind naheliegend: «Digitalisierung vorantreiben» (57 Prozent), «Home Office ausweiten» (37 Prozent).

Das Bild grundsätzlicher Zufriedenheit auf dem Platz Zürich hat sich durch Corona übrigens nicht gross verändert, was doch bemerkenswert ist auch wenn die – kleine Minderheit der total Unzufriedenen leicht gewachsen ist.

Nur sehr wenige Zürcher Firmen sind unzufrieden

Zufriedenheit mit dem Standort Stadt Zürich, in Prozent

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Die Firmen werden jünger

Interessant ist der Blick auf das Durchschnittsalter der Firmen, das laut Bericht stetig sinkt. Das durchschnittliche Alter der im Jahr 2021 befragten Firmen lag bei 26 Jahren, im Schnitt sind diese also seit 1995 in der Stadt Zürich ansässig. 2005 lag dieser Wert bei 36 Jahren. Dieses sinkende Durchschnittsalter bilde die Dynamik der Firmenlandschaft in der Stadt Zürich ab, so der Bericht. 21 Prozent der befragten Firmen wurden erst nach 2016 gegründet. Am dynamischsten war 2021 gemessen an den Neugründungen die Beratungsbranche, der Bereich der medizinischen Dienstleistungen sowie weitere unternehmensbezogene Dienstleistungen. Dies im Unterschied zur letzten Erhebung von 2016, als Neugründungen vor allem im Gastgewerbe zu verzeichnen waren.

Beim Stellenwachstum hat sich das Bild laut der Umfrage leicht eingetrübt. Die Zahl der Firmen, die Stellen aufbauen, hat abgenommen; die Zahl jener, die Stellen streichen, hat zugenommen. Konkret wurde bei 19 Prozent der Unternehmen die Anzahl der Mitarbeitenden reduziert.

Weniger Stellenwachstum in Zürich

Veränderung in der Belegschaft in Zürcher Unternehmen in den letzten zwei Jahren laut Eigenangaben, in Prozent

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Das Gastgewerbe und die Hotellerie verzeichnen mit 41 Prozent die grösste Abnahme. Die grösste Zunahme wurde mit 54 Prozent im Finanzmarkt festgestellt. Ein Wandel, der sich auf die Corona-Krise zurückführen lassen dürfte: Diese hat den Gastronomen zugesetzt. Die für Zürich so wichtige Finanzbranche hingegen floriert. Von ihr hängen Wohl und Wehe des Wirtschaftsstandorts nach wie vor ab.